Vom Rausch der Freiheit und der Kunst zu landen

Wind bläst in mein Gesicht, Adrenalin pumpt durch meine Adern, mein Blick fest auf die endlos scheinende Straße gerichtet. Ich beuge mich nach vorne, klammere mich an den Lenker und werde immer schneller. „Wie viel Km/h sind das wohl?“ frage ich mich, während die Straße unter mir zu verlaufen scheint und die Berge an mir vorbeifliegen.
So muss sich fliegen anfühlen.
Noch nie habe ich mich so endlos frei gefühlt wie in diesem Moment. Plötzlich war die Welt grenzenlos.
Es gab nur mich, das klapprige Mountainbike unter mir und die gefährlichste Straße Boliviens vor mir.

Das war einer meiner eindrücklichsten Momente, in denen ich die Freiheit bis auf die Knochen spürte. Als ich dort auf dem Fahrrad saß, hatte ich alles um mich herum vergessen.
Es machte mir bewusst, wie ich lebe. Ich war frei und ungebunden. Konnte gehen wohin ich will, tun was ich will, leben wie ich will. Und ja, ich konnte die Death-Road im Vollspeed runterjagen, einfach weil ich es wollte.
Ich hatte mich schon immer gefragt, wie es ist zu fliegen. Und da hatte ich meine Antwort: Freiheit fühlt sich an wie Fliegen.
Doch manchmal frage ich mich, wie lange man fliegen kann, ohne irgendwann zu landen.
Und ob man überhaupt ewig in der Luft bleiben will – oder ob nicht jede Freiheit irgendwann einen Ort braucht, an dem sie landen darf.

Der Rausch der ultimativen Freiheit

Als ich damals mit dem Reisen anfing, wusste ich nicht, wie sehr mich diese Freiheit und meine Art zu leben verändern würde.
Ich kündigte meinen Job und entschied mich bewusst für ein Leben ohne Sicherheiten.
Am Anfang war ich noch ziemlich überfordert davon, keinen Plan zu haben, wie es weitergeht. Auch die Menschen um mich herum fragten ständig: „Ja und dann?“
Ich wusste es nicht. Und das war völlig in Ordnung für mich, weil ich irgendwann merkte, dass es mich langweilt, immer zu wissen, was als Nächstes passiert.

Wenn man mich vor und nach dieser Reise vergleicht, gibt es einen klaren Unterschied: mein Selbstvertrauen.
Es wuchs mit jeder unvorhersehbaren Situation, die ein spontanes Leben mit sich bringt. Ich überwand Ängste, durchbrach Grenzen und machte einfach – ohne lange nachzudenken.
(Natürlich immer noch mit einem gesunden Menschenverstand und Weitblick über mögliche Konsequenzen. So deutsch bin ich dann doch noch.)

Und mit dem Selbstvertrauen kam die Offenheit für neue Menschen, Kulturen und Erfahrungen, über die ich früher nicht einmal nachgedacht hätte.
Und so gelangt man in einen regelrechten Rausch der ultimativen Freiheit, in dem man vielleicht nicht bemerkt, wie trügerisch sie sein kann.
Denn irgendwann spürt man dann doch noch was anderes.
Ein feines Ziehen.
Nicht weg von der Freiheit, aber hin zu einer Sehnsucht.
Zu der Sehnsucht nach Etwas das bleibt, wenn alles andere in Bewegung ist.
Ein Anker.

Zwischen Fernweh und Vertrautheit

Je länger ich unterwegs war, desto öfter sehnte ich mich nach kleinen Konstanten.
Einen Ort, den ich nicht gleich wieder verlassen muss.
Eine Zahnbürste, die immer am selben Platz steht,
oder schlichtweg eine kleine Routine.
Irgendwas, das gleichblieb, mir halt gab, bei der ständigen Veränderung um mich herum.
Ich sehnte mich nach einem Anker, den ich glaubte nur zu finden, wenn ich aufhöre zu Reisen. Ich dachte, wenn ich wieder zurück bin, ist ja wieder alles gleich, da habe ich meine feste Routine, meine Familie und Freunde, meine Konstanten eben. Und als ich dann wirklich wieder in der Heimat war, war ich zunächst ganz zufrieden damit. Ich genoss die Vertrautheit, das Wiedersehen, das Durchatmen.
Aber kaum hatte ich mich eingerichtet, pochte sie wieder – die Sehnsucht.
Nach Weite. Nach Bewegung. Nach dem Gefühl, dass alles möglich ist.

Es begann ein Teufelskreis, in dem ich ständig das Vermisste, was ich gerade nicht hatte. Ich dachte lange, ich müsste mich entscheiden zwischen Wurzeln und Flügeln.

Doch irgendwann wurde mir klar:
Vielleicht geht es gar nicht um entweder oder.
Vielleicht geht es nur darum, zu wissen, wo man beides findet und wie man es in sich selbst verankert.

Ein Zuhause in mir

Ich habe mittlerweile verstanden, dass ein Anker kein bestimmter Ort sein muss.
Er kann ein Gefühl sein. Ein Mensch. Ein kleines Ritual. Oder einfach die Verbindung zu mir selbst.

Ich bin immer noch unterwegs. Aber anders.
Ich bleibe heute länger an Orten, die ich mag, richte mir dort ein kleines Zuhause ein.
Ich lasse Menschen näher an mich heran, knüpfe Verbindungen, die wirklich zählen – und merke, wie viel Halt darin liegt, selbst Halt zu geben.

Und genau das reicht oft schon, um sich nicht zu verlieren – in all den Möglichkeiten, die Freiheit mit sich bringt.
Denn Freiheit bedeutet für mich nicht mehr nur Bewegung, sondern auch: mir selbst treu zu bleiben. Egal, wo ich bin.
Denn letztlich habe ich gelernt, dass ich mein zu Hause in mir trage und mir niemand die Flügel nehmen kann, selbst wenn ich mal gelandet bin.

Aber ich weiß auch, dass diese Flügel ein Geschenk sind.
Nicht jede:r kann einfach losziehen, Grenzen überschreiten, zwischen Kontinenten pendeln und so lange unterwegs sein, bis es sich richtig anfühlt.
Ich bin in eine Welt hineingeboren, die mir diese Freiheit ermöglicht und ich weiß, dass das nicht allen Menschen vergönnt ist.
Gerade deshalb bin ich unendlich dankbar, dieses Leben führen zu dürfen.
Diese Freiheit ist ein Privileg und es ist alles andere als selbstverständlich.
Deshalb will ich es nicht nur für mich nutzen.
Sondern auch, um hinzuschauen.
Zuzuhören.
Zu teilen.
Und zu lernen.