Da saß ich. Heulend in einem Hostel in Rishikesh, Indien.
Aber nicht wie sonst – mit Vorhang zugezogen im oberen Bett, still und heimlich. Nein. Ich saß mitten in der Community Area. Und es kam einfach raus. Ich konnte es nicht aufhalten. Mir gegenüber saß der Hostel Host. Er wirkte sichtlich überfordert mit den Tränen, die da aus mir raussprudelten, doch irgendwas sagte mir, dass ich mich ihm öffnen konnte. Ich erzählte ihm, dass ich nicht weiß, was ich hier eigentlich soll oder machen will. Dass ich Heimweh habe. Dass ich überfordert bin – von allem, was gerade passiert war.
Er sagte nur: „Atme.“
dann: „Du bist nicht in Rishikesh um etwas zu erleben. Du bist in Rishikesh um zu sein“. Dieser Satz hat meine Art zu reisen verändert. Und eigentlich war es nicht nur das Reisen. Es war mein ganzes Denken, mein Blick auf Erwartungen, Erlebnisse, Pläne. Und auf mich selbst. Damals bezog er es auf Rishikesh. Aber ich glaube man könnte es auf alle Orte dieser Welt übertragen.
Denn was gibt es Sinnvolleres, als einfach zu sein?
Reisen mit Druck und angst was zu verpassen
Die meisten meiner vergangenen Reisen, waren immer etwas stressig. Oder zumindest hatte ich am Ende das Gefühl völlig erschöpft zu sein, weil man immer irgendwas gemacht hat, ohne es so wirklich richtig Wahrzunehmen, Hauptsache es war „erledigt“. Aber wenn die Fomo kickt, dann ist es meistens nicht so einfach dieses unangenehme Gefühl des Verpassens zu ignorieren. Dann will ich diese eine 197. Kirche auch noch sehen oder ich geh mit auf die 20. Free-walking-tour, einfach damit ich´s gemacht hab.
Und dann ist da dieser Druck. Der Druck, allen zu zeigen, wie toll alles ist.
Dass man gerade die beste Zeit hat.
Weil das ja irgendwie erwartet wird.
Und dann habe ich angefangen Erlebnisse zu jagen, als wären es Trophäen, aber irgendwo zwischen Sonnenuntergängen und Wasserfällen vergessen, die Momente einfach mal zu genießen. Einfach mal zu sein.
Einfach mal sein – gar nicht so einfach
Es ist easy zu sagen, aber in der Umsetzung doch etwas komplizierter. Die Fomo-gedanken hören ja nicht einfach so auf. Die Angst etwas zu verpassen liegt tief in unserem Unterbewusstsein verankert und ganz abschütteln lässt es sich, glaube ich, nie. Und der Drang etwas zu erleben, damit sich die Reise produktiv und „verdient“ anfühlt, wird auch nie ganz verschwinden. Oder zumindest ist das ein langer Weg. Ich hatte diese Realisation schon früher, aber so richtig verstanden hab ich`s dann erst nach dem Gespräch im Hostel. Danach hab ich nämlich angefangen produktiv nichts zu tun und versucht mich dabei nicht schlecht zu fühlen. Und trotzdem kamen immer wieder die gleichen Gedanken. „Solltest du jetzt nicht auf dem Rafting Boot sitzen, wie du es dir vorgenommen hattest?“, „müsstest du jetzt nicht eigentlich jede Yoga-Stunde mitnehmen, die es hier gibt?“, „was ist mit den Wasserfällen?“. Ihr seht, es verfolgt einen und man macht sich selbst ein schlechtes Gewissen – ohne dass jemand es einem vorgibt. Aber während ich im Hostel einfach so rumhing, lernte ich die unterschiedlichsten Menschen kennen, mit denen ich wundervolle Gespräche führen durfte. Und plötzlich ergaben sich alle Dinge wie von selbst. Ich lernte jemanden kennen, der einen Roller gemietet hatte. Er hatte eh vor zu einem Wasserfall zu fahren. Also schloss ich mich an und BAAM. Ich tat etwas. Aber nicht, weil ich musste. Sondern, weil es sich so ergab. Weil es sich richtig anfühlte.
Und in diesem Moment wusste ich:
Ich bin genau da, wo ich sein will. Ohne Druck.
Ohne den Zwang, dass das jetzt das beste Erlebnis meines Lebens sein muss.
Ich lebte im Moment – und genoss es, als wäre es genau das.
Ich konnte einfach sein.
Manchmal ist weniger einfach genug
Am Ende sind es die Erwartungen, die uns immer wieder ausbremsen. Erwartungen an die Reise, das Land und die Dinge, die es dort zu sehen gibt. Erwartungen von den Menschen aus unserem Umfeld, die sehen wollen, was man so macht und die Erwartungen an uns selbst. Man setzt sie meistens viel zu hoch, nur um dann enttäuscht zu werden, weil es eben nicht das Beste war, was man je erlebt hat. Aber vielleicht geht es beim Reisen nicht darum Erwartungen zu erfüllen und Dinge zu erleben. Es geht darum, sich selbst zu bereisen. Gefühle und Gedanken zuzulassen, die im „normalen Leben“ nie Raum finden würden und darum einfach mal in sich hinein zu fühlen. Zu erkennen, was will ich eigentlich wirklich und was brauche ich? Und wenn ich merke ja, ich interessiere mich für alle zehn Tempel in dieser Stadt, dann geh ich dahin und fühle mich gut dabei. Aber ich werde es nicht tun, nur weil ich das Gefühl habe ich muss mich für diese Tempel interessieren, weil es Teil der Kultur ist. Dann reicht vielleicht einer davon, oder sogar gar keiner. Kultur ist so viel mehr und man kann sie auch erfahren, wenn man einfach so durch die Stadt schlendert oder in einem einheimischen Café neben Locals sitzt und dem Gespräch zu hört auch, wenn man kein Wort versteht.
Durchatmen!
Reisen sind dafür da, das alltägliche Leben kurz mal hinter sich zu lassen und durchzuatmen.
Um kurz mal auszutreten aus diesem Pflichtgefühl. Dann hilft es nicht, wenn man sich auch im Urlaub einen solchen Druck macht, weil dann kommt man meistens genauso gestresst wieder nach Hause, wie man es verlassen hat.
Die Dinge so zu nehmen wie sie kommen ist eine Kunst, aber für jeden machbar. Alleine das loslassen von den Erwartungen kann schon unheimlich befreiend sein. Weil manchmal reicht es halt einfach schon irgendwo anders zu sein. Manchmal reicht es, einfach mal nichts zu vermissen und genau dann merkt man, dass ein random Hostel und ein schönes Gespräch alles ist, was man gerade braucht.
