Rishikesh für Anfänger – Wie ich versuchte, spirituell zu werden

Meine Augen sind geschlossen. Ich konzentriere mich auf meinen Atem. Ich atme ein. Ich atme aus. Meine Hände liegen auf den Knien, die Handflächen nach oben gerichtet. Ich atme ein. Ich atme aus. Im Hintergrund ist das leise flüstern des Ganges zu hören. Der Yogalehrer setzt zum chanten an. Drei Mal singen wir „ooooooommm“. Ich öffne langsam die Augen. Ich fühl mich gut. Ich fühl mich ausgeglichen.

So, oder so ähnlich, stellte ich mir meine spirituelle Erfahrung in Indien vor. Aber ich muss dich enttäuschen. Es war dann doch nicht so Yoga-mäßig, wie ich mir das vorher ausgemalt hatte.

Eigentlich wollte ich nach Rishikesh um eine Yogalehrer-Ausbildung zu absolvieren. Weil es aber so viel gekostet hatte und ich noch nicht einmal wusste wie genau ich eigentlich zu Yoga stehe, entschied ich mich einfach mal spontan hinzugehen und vielleicht ein Retreat zu buchen um herauszufinden, ob das Yoga überhaupt etwas mit mir macht.

Spiritualität war sowieso nie so richtig meins. „Aber was nicht ist, kann noch werden“ sagte ich mir ständig, in der Hoffnung, mit dem Yoga etwas zu finden, das mich erfüllt.
Stattdessen wurde Rishikesh für mich ein Ort der stillen Gedanken zwischen lauten Mopeds.
Weniger eine Spirituelle Reise, aber dafür eine weitere kleine Reise zu mir selbst.
Und auch wenn es keine Erleuchtung im Yoga-Sinn war, hatte ich trotzdem eine. Meine ganz eigene. Nämlich, dass Yoga nicht das war, was ich suchte.

Sprache:
Hindi & Garhwali

Einwohner:
ca. 75.000

Währung:
Indische Rupie (INR)

Beste Reisezeit:
Oktober – März

Good to know

Rishikesh liegt im Bundesstaat Uttarakhand, am Fuße des Himalayas im Norden Indiens, direkt am heiligen Fluss Ganges und gilt weltweit als Yoga-Hauptstadt. Seit die Beatles in den 60er Jahren den Ort für ihre spirituelle Erleuchtung aufsuchten, wurde die kleine Indische Stadt zum Magnet für Yoga-liebhaber und Fans der britischen Pilzköpfe. Heute reihen sich Ashrams, Yogaschulen und vegane Cafés am Ganges entlang und werden fast schon überrannt von der halben (westlichen) Yoga-Welt.
Rishikesh gilt als heiliger Ort im Hinduismus, daher ist rund um den Ganges (der heiligen Zone) der Verzehr von Alkohol und Fleisch strikt verboten. Je weiter man sich aber vom Fluss entfernt, desto lockerer werden die Regeln.
Auch Kühe sind, wie in allen Hinduistisch geprägten Regionen, heilig und laufen völlig selbstverständlich auf den Straßen herum.

Ankunft in Rishikesh

Zwischen Hitze, Heulkrise und Herzlichkeit

Als ich in Rishikesh ankam, war ich völlig am Ende – mental und körperlich. Die Flüge waren durch einige Zwischenfälle zur Tortur geworden, und weil ich mich in Nepal am Flughafen von meinem Freund verabschieden musste, fühlte ich mich traurig, leer und irgendwie verloren.

Gleich am ersten Tag versuchte ich mich abzulenken und schloss mich ein paar Leuten aus dem Hostel an, die auf dem Weg zum Ganges waren, um der Hitze zumindest ein bisschen zu entkommen. Es war schließlich schon Mai, und die Trockenzeit hält hier, was sie verspricht.

Als stünde „Ich brauch Ablenkung“ auf meiner Stirn, lud mich ein Typ namens Leo ein, mit ihm zu einer Drop-in-Yogastunde zu gehen. Was eigentlich eine dynamische Vinyasa-Stunde werden sollte, wurde dann zu einer Yin-Yoga-Stunde, weil der Lehrer nicht da war.
Wer sich ein bisschen mit Yoga auskennt, weiß: Yin-Yoga besteht vor allem aus still daliegen und Dehnen. Mein Begleiter schlief sogar kurz ein – was ich seinem leisen Schnarchen entnahm.

Mir selbst tat es erstaunlich gut. Für einen Moment konnte ich den ganzen Stress vergessen und mich nur auf die Übungen konzentrieren.

Am Abend trafen wir uns mit zwei anderen Jungs zum Abendessen – etwas weiter weg vom Ganges, weil die drei Engländer mal wieder Lust auf Fleisch hatten. Ich beobachtete schweigend wie die Gespräche an mir vorbeirauschten und versuchte ihnen zu folgen, was durch den britischen Akzent irgendwann so anstrengend wurde, dass ich aufgab und in meine eigenen Gedanken abschweifte. Was mach ich eigentlich hier? Wie finde ich das raus? Wo soll ich hin? Ich versuchte, nicht direkt in Tränen auszubrechen. Was mir mit viel Mühe auch gelang.

Doch am nächsten Morgen überrollten mich die Gefühle. Ich saß im Hostel, übermüdet und überfordert – und plötzlich liefen mir die Tränen übers Gesicht. Rishi, der Hostelhost, blickte mich an. Ich schnäuzte in eine dünne Serviette und versuchte mit zitternder Stimme zu erklären, was los war. Wie verwirrt ich war, wie überfordert von Indien, dem Alleinsein, meinen Gefühlen.

Während ich sprach, setzte sich Barnaby zu uns – ein großer, ruhiger Engländer. Dann kam auch Jacob dazu, einer der Jungs vom Dinner gestern. Schweigend hörten sie zu. Alle drei gaben sich Mühe, mich mit Worten aufzumuntern – und irgendwie schafften sie es tatsächlich, dass ich mich ein wenig besser fühlte.

Barnaby nahm mich später mit zu einer weiteren Yogastunde, bei der ich zumindest kurz vergessen konnte, wie überfordert ich war. Und Danny – auch er war beim Abendessen dabei gewesen – packte mich auf seinen Scooty (indisches Wort für Roller – süß, oder?) und nahm mich mit zu einer Sound-Healing-Session mit Klangschalen.

Zusammengefasst: Die Jungs haben sich wirklich Mühe gegeben, meinen Tag zu retten. Und dafür bin ich ihnen bis heute dankbar. Denn ohne sie hätte ich mir an diesem Morgen wahrscheinlich einen Rückflug nach Deutschland gebucht.

Ungeplant ist meistens besser

Nachdem ich mich wieder etwas gefangen hatte, verfolgte ich meinen Plan weiter, ein Yoga-Retreat zu buchen. Mit der Hilfe von Rishi klappte das auch ziemlich schnell – aber, zu meinem Glück wie ich heute weiß, war in meiner auserwählten Yoga-Schule erst in einer Woche wieder etwas frei.
Und so buchte ich noch eine weitere Woche im besten Hostel, in dem ich je war: dem Bunkstay.

Danny und Jacob taten es mir gleich, und so wurden wir zu einer kleinen festen Gruppe. Wir besuchten einen Wasserfall, schlenderten durch die vielen kleinen Läden im touristischen Teil Rishikeshs – Tapovan – und verbrachten die heißen Nachmittage am Strand des Ganges.
Und wenn wir mal nichts taten (was oft vorkam), lagen wir faul in der Hostel-Lounge herum, nervten Rishi mit unserem Gejammer über die Hitze, spielten Scharade oder diskutierten über die seltsamsten Dinge.
Mit ein paar anderen vom Hostel fuhren wir auch mal zum “Jungle-Cafe”(ob es wirklich so heißt, oder ob es überhaupt einen Namen hat, weiß ich nicht), ein kleiner Ort mitten im Wald umringt von Natur und einer Schar von Affen. Mit einer alten Plane überdacht, kocht hier ein altes Indisches Ehepaar leckere Currys in traditioneller, authentischer Art. Gegessen wird auf dem Boden auf einem Teppich zusammen mit den anderen Gästen. Es war ein Geheimtipp von Rishi, deshalb werd ich dir nicht genau sagen, wo diese kleine “Oase” zu finden ist. Wenn du also hin willst, du weißt, wo du Rishi findest;)

Fast jeden Abend veranstaltete Rishi eine Jam-Session, bei der er mit Gitarre und engelsgleicher Stimme alle verzauberte. Manchmal wurde auch Karaoke gesungen. Ich fand mit „Stand by me“ meinen ultimativen Karaoke-Song – und sang zum ersten Mal ganz allein vor Publikum.

Ich begann, in den Tag hineinzuleben, nichts zu erwarten und auch das Nichtstun zu genießen.
Ich glaube, ich war körperlich noch nie weniger gestresst als in diesen zwei Wochen in Rishikesh.

Das Retreat

Ich war unglaublich traurig, als die Zeit im Hostel endete und ich meine neu gewonnenen Freunde zurücklassen musste, um mich dem Yoga-Retreat zu widmen. Gleichzeitig war ich neugierig und aufgeregt, was mich dort erwarten würde.

Zu Beginn wurde ich vom Retreat-Leiter – dem Yogi – zu meinem gesundheitlichen Zustand befragt. Da ich in der Vergangenheit oft mit Rückenschmerzen und zuletzt mit einer Bandscheibenvorwölbung zu kämpfen hatte, stellte er einen Wochenplan zusammen, der genau auf meinen Rücken abgestimmt war.
Ich bekam ein privates Zimmer und war tatsächlich die Einzige, die für ein Retreat da war. Alle anderen wurden in der Schule unterrichtet und folgten dem Yoga-Teacher-Programm.

Mein Tagesablauf bestand aus zwei Yogastunden und drei Mahlzeiten täglich. Beim Yoga zeigte man mir Asanas, die meinen Rücken sanft stärken und dehnen. Ich lernte verschiedene Atemübungen des Pranayamas kennen, und Schritt für Schritt wurde gemeinsam mit mir eine kleine Routine aufgebaut, die ich auch zu Hause weiterführen konnte.

Die meiste Zeit aber verbrachte ich in meinem Zimmer. Zum einen, weil es draußen bei fast 40 Grad kaum auszuhalten war – zum anderen, weil ich begann, mich intensiv mit mir selbst auseinanderzusetzen. Es gab mehrere Gründe, weshalb es mir zu dieser Zeit nicht besonders gut ging. Darauf möchte ich gar nicht im Detail eingehen. Aber: Die Zeit in diesem Zimmer half mir, meine Gedanken zu sortieren, meine Gefühle besser zu verstehen und mir darüber klar zu werden, was ich eigentlich will.
Das Yoga schenkte mir zwei Stunden am Tag, in denen mein Kopf zur Ruhe kam. Die gemeinsamen Mahlzeiten mit den Studierenden füllten meine Lücke an sozialem Austausch. Und die klare Routine – fernab meines gewohnten Lebens – eröffnete mir eine neue Perspektive.

Mir wurde klar: Ich hatte nicht nach dem Yoga gesucht. Ich wollte kein spiritueller Mensch werden.
Ich suchte nach Abstand. Nach Ruhe. Nach neuer Kraft.

Ich praktiziere bis heute einige der Asanas, die ich dort gelernt habe – allerdings nicht aus spirituellen Gründen, sondern um meine Muskulatur zu stärken und Rückenschmerzen vorzubeugen.

Tipps für deine Reise nach Rishikesh/Indien

SIM-Karte

Ich hab für Indien auf eine e-Sim gesetzt, weil ich vorher gelesen hatte, dass es dort recht kompliziert sein soll.
Man bekommt aber am Flughafen auch günstige Tarife.

Geld

Am Flughafen in Dehradun war es mir nicht möglich Geld abzuheben.
Kümmert euch am besten vorher schon drum!
In Rishikesh findet man ein paar Geldautomaten in Tapovan, aber nicht in Laxman Jhula.
Und immer gut vorsorgen, die Automaten sind gerne mal
“out of service”

Visum

Deutsche Staatsbürger benötigen ein E-Visum vor der Einreise

→ Online beantragen auf der offiziellen Seite: https://indianvisaonline.gov.in

Unbedingt frühzeitig beantragen, es kann mehrere Tage dauern.
Es gibt verschiedene Visa-Typen: Für Touris meist das 30-Tage- oder 1-Jahres-Visum (Ein- oder Mehrfacheinreise).

Bei Einreise unbedingt auf den Stempel im Pass achten, damit es keine Probleme beim Ausreisen gibt.

Transport
(Rishikesh)

In Rishikesh fahren Tuk Tuks und Taxis, vorallem auf der rechten Seite vom Fluss in Tapovan. In Laxman Jhula sind Tuk Tuks und Taxis nicht erwünscht.
Um dorthin zu gelangen kann das Puplic-Boot genutzt werden, als ich dort war wurde gerade eine neue Brücke gebaut, mit der man zu Fuß den Ganges überqueren kann oder die beste Lösung ist das mieten eines Scootys (Motorroller),
mit dem kommt man überall ohne probleme hin.

Kleidung

Rishikesh ist für viele ein heiliger Ort.
Kleide dich respektvoll und halte vor allem bei Tempel- und Ashrambesuchen Knie und Schulter bedeckt.

Vorallem als Frau kann man sich durch längere Hosen/Röcke oder ein luftiges Hemd vor unerwünschten Blicken schützen.

Raus aus der Hitze, rein ins Abenteuer – Mein Abstecher in den Nordosten

Eigentlich wollte ich zum Schluss meiner Reise noch das Taj Mahal und Jaipur besuchen. Doch die Temperaturen lagen teilweise über 40 Grad – und Abkühlung war nicht in Sicht. Also verschlug es uns stattdessen in den Nordosten Indiens, genauer gesagt nach Guwahati und Shillong. Dort regnet es 365 Tage im Jahr, und es war deutlich kühler. Begleitet hat mich Danny – der blonde Lockenkopf aus dem Bunkstay.

Zwischen Tempeln, Affen und Tropengrün – Erste Eindrücke aus Guwahati

In Guwahati besichtigten wir die, ehrlich gesagt, eher unspektakuläre Stadt. Uns faszinierte viel mehr das satte Grün der umliegenden Wälder – nach drei Wochen in Rishikesh, wo vertrocknete, öde Bäume das Bild bestimmten, war das wie Balsam für die Augen.
Wir besuchten einen Tempel, in dem freche Affen von den Dächern linsten und kleine Ziegen über die Mauern sprangen. Außerdem fuhren wir zu einem See und beobachteten Vögel und alte Fischer, die mit ihren klapprigen Booten durch dichte Wasserpflanzen zum Fischen aufbrachen.

Sanfte Hügel, frischer Wind und ein heiliger Wald

Shillong – oder besser gesagt: die Umgebung – wird auch als Schottland des Ostens bezeichnet. Die sanften Hügel, saftig grünen Wiesen und kristallklaren Seen erinnern tatsächlich stark an die Landschaften Schottlands. Besonders beeindruckt hat mich der Mawphlang Sacred Forest, ein heiliger Wald, den wir besichtigten. Die fast schon märchenhafte, sagenumwobene Natur dort hatte etwas ganz Eigenes.

Natürlich wollten wir auch noch einen Wasserfall sehen und planten einen kleinen Trip. Unterwegs rauschten große Schluchten, kleine Dörfer und sogar das sauberste Dorf Indiens an uns vorbei – bis wir schließlich an den Mawsawa Falls ankamen. Danny sprang begeistert ins kühle Nass. Ich persönlich verzichtete auf einen Dip, weil ich durch den Dauerregen ohnehin schon ziemlich durchgefroren war. Aber ich konnte die atemberaubende Landschaft genießen – und war einfach nur froh, nicht gerade irgendwo bei 40 Grad in der Sonne zu verschmelzen.

Vom Suchen und Finden – ein Ende ohne Punkt

Es war keine Reise, wie ich sie gewohnt war. Sie war bunt, verwirrend, zerreißend – aber vor allem ein großes Abenteuer.
Irgendwo zwischen Yoga und Zweifeln habe ich mich wiedergefunden, neue Perspektiven gewonnen, gelernt und viele wunderbare Menschen in mein Herz geschlossen.
Ich konnte einen neuen Weg einschlagen, der mich weiterbringt – und vielleicht, eines Tages, auch wieder zurück nach Rishikesh führt.
Rishikesh hat mich nicht verändert. Es hat mir nur gezeigt, dass ich mich verändern darf.

Mehr über meine persönlichen Eindrücke zur westlichen Spiritualität in Rishikesh findest du in meinem separaten Artikel:

Namaste oder na mal sehen?