Zufall oder Schicksal?
Bei vielen Begegnungen auf meiner Reise, weiß ich schon gar nicht mehr, wie es genau dazu kam. Wie in Oaxaca. Nach zwei Wochen mit vertrauten Menschen in Puerto Escondido, kam ich alleine in die bunte, belebte Stadt. Ich weiß noch, wie ich durch die Straßen lief – traurig, irgendwie verloren. Und am nächsten Tag war ich auf einmal Teil dieser Gruppe in der wir feierten und lachten, als hätten wir uns schon ewig gekannt. Es war als hätte das Leben mich einfach reingeschoben.
Zumindest fühlt es sich oft so an, als würde das Schicksal in das zusammentreffen mancher Menschen spielen. Es scheint, als würden immer genau die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt aus dem nichts kommen um mich aufzufangen, weiterzubringen oder einfach nur um mir zu zeigen, wie schön die Welt doch sein kann.
Manche bleiben für Wochen, andere für ein paar Tage – und manche nur für eine Nacht. Doch alle haben Spuren hinterlassen. Nicht in meinem Fotoalbum, sondern in mir: In meiner Art zu denken, zu lieben, zu leben.
Ob es Zufall oder Schicksal ist, darüber lässt sich streiten. Ich persönlich glaub ein wenig mehr an das Schicksal, denn bei manchen Menschen kann ich einfach nicht glauben, dass sie zufällig einfach so da waren.
Wenn Fremde vertraute werden
Die Verbindungen, die ich auf Reisen mit den verschiedensten Menschen geknüpft habe, waren meist eher von Tiefe als von Dauer geprägt.
Manchmal erzählte ich meine ganze Lebensgeschichte einer Person, von der ich wusste, dass ich sie am nächsten Morgen vermutlich nicht wieder wiedersehen würde.
Okay, um ganz ehrlich zu sein: Ich hatte noch nie ein Problem damit, mich zu öffnen und meine Gefühle zu offenbaren. Ich bin für die meisten Menschen ein offenes Buch – ob es spannend ist zu lesen oder nicht, muss dann jeder für sich selbst entscheiden.
Und doch gibt es einen kleinen aber feinen Unterschied zwischen den Fremden auf Reisen und den vertrauten Menschen zu Hause: das Verständnis.
Damit will ich nicht sagen, dass meine Freunde oder Familie mich nicht verstehen – aber sie leben ein ganz anderes Leben.
Sie können meine Situation oft nicht so nachempfinden wie dieser fremde Mensch, mit dem ich am anderen Ende der Welt in einem Hostel sitze, weil er gerade das Gleiche erlebt.
Weil er weiß, wie es ist, alles hinter sich zu lassen, unterwegs zu sein, zu zweifeln, zu träumen, zu suchen.
Und selbst wenn man sich nur für ein paar Stunden unterhält, entsteht manchmal eine tiefere Verbindung als mit Menschen, die man schon seit Jahren kennt – weil man sich wirklich sieht.
Weil man einander zuhört. Weil man Fragen stellt, die unter die Haut gehen.
Weil plötzlich Dinge ausgesprochen werden, die man sich selbst nie getraut hätte zu denken.
Die Schönheit des vorübergehenden
Bei solchen Menschen habe ich mir schon oft gewünscht, dass sie für immer bleiben. Dass diese Zeit niemals endet und das Gefühl nie verschwindet. Doch ich denke, wenn es nie geendet hätte, wäre die Magie verloren gegangen.
Denn gerade, weil es vorbei war, konnte es so besonders sein. Durch den Zauber des Jetzt.
All diese Begegnungen, waren ein Teil eines Moments. Ein Wimpernschlag, der viel bewirkte.
Und sie lehrten mich, dass nicht alles für Immer sein muss, um Bedeutung zu haben.
Denn sie alle waren da, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und für genau die richtige Dauer.
Alles andere wäre erzwungen gewesen und vielleicht hätte sich die Verbindung irgendwann nicht mehr richtig angefühlt. Dann wäre sie nicht mehr das gewesen, was sie am Anfang war.
Ich war nie gut darin, loszulassen. Oft habe ich festgehalten, bis es so wehtat, dass ich es nicht mehr ausgehalten hab. Und dann hörte der Schmerz trotzdem nicht auf.
Es hat lange gedauert, bis ich gelernt habe mit dem loslassen richtig umzugehen.
Es nicht als das Ende zu betrachten, sondern als Teil des Ganzen.
Und geholfen haben mir dabei die Menschen, die eben nur für diese kurze Zeit in mein Leben kamen.
Die ich loslassen musste, um weiter zu gehen.
Was bleibt?
Was also bleibt, wenn sich Wege trennen, Namen verblassen und die Nachrichten irgendwann ausbleiben?
Klar, zum einen sind da die Erinnerungen an die gemeinsamen Erlebnisse, die durch all die Fotos und Videos nie ganz verschwinden werden. Aber da sind auch Gedanken, die ich erst verfolge, seit ich diese eine Person getroffen habe. Gerüche, die mir immer wieder in die Nase steigen. Umarmungen, die ich immer noch spüre, als wären sie nie vorbei gegangen und Sätze, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen, weil sie so viel in mir ausgelöst haben.
Diese Dinge bleiben. Sie prägen sich ein, wie schwarze Tinte in ein Buch, dessen Seiten endlos geblättert werden können. Und so tragen wir sie weiter, als Teil unserer Geschichte, still eingebettet zwischen den Zeilen unseres Lebens.
Ein letzter Moment
Zu Hause kennt mich jeder. Meine Geschichte, meine Entscheidungen, meine Fehler. Jeder trägt ein Bild von mir mit sich, welches ich über Jahre hinweg mitgeprägt habe.
Auf Reisen ist das anders. Die Menschen, die ich dort treffe, kennen meine Vergangenheit nicht. Sie sehen nur den Menschen, der gerade vor ihnen sitzt. Ohne Erwartungen. Ohne Schubladen.
Vielleicht liegt genau darin die Magie des Reisens: in diesen flüchtigen Begegnungen, die uns für einen Moment ganz wir selbst sein lassen – ehrlich, roh und ungefiltert.
Und manchmal reicht genau so ein Moment, um etwas in uns zu verändern. Nicht für einen Augenblick – sondern für immer.
