Es ist wirklich faszinierend, wie sehr man sich verlieren kann – im Yoga, in der Spiritualität, in Rishikesh. Ich habe dort einige Menschen kennengelernt, die so tief in ihre “spirituelle Reise” eingetaucht sind, dass ich mich gefragt habe, ob sie je wieder auftauchen. Gespräche drehten sich nicht etwa um Lieblingsessen, Familiengeschichten oder Kindheitsträume – sondern um Chakren, Atemtechniken, innere Energien und Lieblings-Mantras (ja, sowas hat man dort).
Und ich will ja niemandem unterstellen, dass das nur eine Phase ist oder sie gar nicht wirklich wissen, wovon sie da reden – immerhin klingt es oft so, als hätten sie mindestens ein halbes Leben im Ashram verbracht und das Yoga-Sutra mit der Muttermilch aufgesogen.
Aber manchmal saß ich da, hörte zu und dachte mir still: Wo bist du eigentlich, wenn du von dir sprichst? Denn hinter all den Räucherstäbchen, weißen Leinengewändern und Om-Gesängen konnte ich die eigentliche Person kaum noch erkennen.
Und auch wenn ich niemandem absprechen will, dass Spiritualität tief bewegen kann – irgendwann stellt sich doch die Frage: Darf man sich einfach so in fremden Kulturen bedienen, ohne sie wirklich zu verstehen – nur weil es einem gerade gut ins eigene Selbstfindungsprogramm passt?
Vielleicht war ich einfach nicht spirituell genug – oder nicht erleuchtet genug, um es zu verstehen. Vielleicht hatte ich auch einfach nur das falsche Mantra.
Was ich aber ganz sicher mitgenommen habe: Manchmal findet man sich selbst nicht in der Esoterik, sondern genau im Zweifeln daran. Und das darf genauso heilsam sein.
Aber wo hört gesunde Spiritualität auf – und wo fängt Show an?
Kommerzialisierung, aber zu welchem Preis?
In Rishikesh hat man mittlerweile eine breitgefächerte Auswahl an Yogaschulen und Ashrams. Früher war es größtenteils kostenlos sich in ein Ashram zurückzuziehen, den Alltag mit den Yogis zu verbringen, Yoga zu praktizieren und den Weg zu sich selbst beim Meditieren wieder zu finden.
Heute findet man auf den Internetseiten der Ashrams ähnliche Preistabellen wie man sie von Hostels oder Hotels kennt, mit Preisen, die einen erstmal skeptisch zurücklassen.
Yogalehrer Ausbildungen werden im Akkord absolviert und nach 200 Stunden bekommt man ein Zertifikat, das einen berechtigt, überall auf der Welt als Lehrer seinen Schülern die Praxis des Yogas näherzubringen. Eine Praxis bestehend aus Uralten Lehren, Schriften und Weisheiten. Da frag ich mich, wird man dieser Jahrhunderte alten Tradition nach 200 Stunden überhaupt gerecht?
Die westliche Welt hat das Yoga also kommerzialisiert und zur Mode gemacht. Und nicht nur das.
Sie haben es auch verändert. Naja, teilweise waren das sogar die Yogis selbst, die in den Westen pilgerten um das Yoga in die Welt hinauszutragen. Und das haben sich die Yogaschulen und Ashrams zunutze gemacht. Smart move würde ich sagen. Mit Yogastilen, die perfekt auf die neue Zielgruppe angepasst wurden, wird heute ein Milliardengeschäft aufrechterhalten.
Zwischen Lifestyle und Lehre
Klar, Ashrams wollen auch überleben und dem harten Wettbewerb die Stirn bieten. Und wenn westliche Yogis in Scharen nach Indien reisen um erleuchtet zu werden, oder um den perfekten Instagram Post zu inszenieren, bleibt ihnen ja fast nichts anderes übrig, als anzubieten, wonach gefragt wird.
Und so wird Yoga, das früher ein ganzheitlicher Weg der Selbsterkenntnis war – mit Ethik, Disziplin und Hingabe, ausgeschlachtet für den Konsum: Yogaleggings, Retreat-Werbung auf Instagram und Detox-Säfte machen es mehr zum Lifestyle-Accessoire als zu einer ernstzunehmenden Praktik.
Wenn man “Yoga Teacher Training India” googelt wird man überschüttet von Angeboten und Werbung von verschiedenen Ashrams und Yogaschulen. “Werde in vier Wochen Yogalehrer*in”, wahlweise mit veganem Buffet, Sonnenuntergangsmeditation und Selfie-Spot auf dem Rooftop. Selbstfindung to go, eine spirituelle Fastlane – powered by PayPal.
Vielleicht bin ich zu zynisch. Vielleicht auch nur verwöhnt von meiner Vorstellung, dass Yoga ein Ort des Rückzugs sein sollte und nicht des Konsums.
Ich will gar nicht bestreiten, dass mit einer teuren Yogaausbildung nicht auch wertvolle Erfahrungen gesammelt und Lehren vertieft werden können.
Aber wenn Spiritualität so leicht vermarktbar ist, was bleibt dann noch von der Tiefe?
Und wie tief kann etwas sein, dass in einem Wochenplan verkauft wird?
Nur eine Bühne?
Indien dient oft nur als Kulisse, vor allem in der Yogaszene. Die Reisenden suchen oft nicht das Land – sondern das Bild, dass sie davon haben. Und Hauptbühne dieses Theaters ist meistens Rishikesh. Die kleine Yoga-Hauptstadt wird überrannt von Yogaliebhabern aus aller Welt. Und nach einem Bild in dramatischer Yoga-Pose auf einem Stein am Ganges und Instagram Stories aus dem Leben im Ashram, reist man wieder nach Hause, ohne dem Land selbst die Chance zu geben sich in seiner vollen Pracht zu zeigen.
Die Menschen filtern sich das heraus, was Indien für sie bedeutet: Yoga, Spiritualität und die Idee von Erleuchtung zum Mitnehmen und vergessen dabei die unglaubliche Vielfalt Indiens und der Menschen die dort leben.
Symbole ohne Kontext
Mantras, Malas, Sanskrit-Tattoos – werden getragen wie Modeaccessoires ohne das kulturelle oder religiöse Fundament zu kennen. Ich nehme mich da nicht raus. Auch ich trage ein Tattoo in der Sanskrit-Schrift an meinem Bein, allerdings ist es ein Satz, der etwas für mich bedeutet, schlicht ins Sanskrit übersetzt. Und kein spezielles Zeichen, von dem ich keine Ahnung habe, was es überhaupt bedeutet.
Der Respekt vor der Tradition wird oft einfach beiseitegelegt – Hauptsache es klingt spirituell oder sieht zumindest so aus.
Viele dieser Symbole sind tief in Philosophie und Religion verwurzelt.
Sie haben eine Geschichte – eine Bedeutung, die oft viel tiefer reicht, als wir überhaupt erfassen können.
Sie stehen nicht einfach für ein paar schöne Wörter, sondern manchmal für ganze Weltanschauungen.
Mal ehrlich: Wie viele von uns haben sich ein Om-Zeichen tätowieren lassen, ohne wirklich zu wissen, dass es für den Ur-klang des Universums steht – und nicht für „Ich war mal in Indien“?
Ich habe mich selbst gefragt: Wo ist die Grenze zwischen Inspiration und Aneignung?
Ist es schon respektlos, wenn ich ein Symbol schön finde – oder erst, wenn ich es zur Zierde trage, ohne seine Bedeutung zu verstehen?
Ich denke es ist ein schmaler grad und sich darüber bewusst zu werden ist hier wahrscheinlich der beste Weg um diesen nicht zu überschreiten.
Selbstdarstellung in weißem Leinen
Ein weiterer Kritikpunkt ist für mich die Show, die viele aus der Esoterik und Spiritualität machen. Wer am meisten weiß trägt, am längsten schweigt und am tiefsten sitzt, scheint am erleuchtetsten. Sie machen das Yoga und alles was es mit sich bringt zu ihrer Identität und hören auf sich selbst zu hinterfragen.
Es wird performt und bewertet, teilweise mit likes und Kommentaren auf Instagram.
Und das alles auf dem Rücken einer Tradition, die aus einem Land stammt, das einst kolonialisiert und ausgebeutet wurde.
Da kommt mir die Frage, nehmen wir uns immer noch was uns nicht gehört ohne es wirklich zu verstehen? Nutzen wir es aus oder nutzen wir es für uns?
Das sind harte Fragen, die schwer zu beantworten scheinen.
Und ich spreche hier auch nicht von allen Yogis. Viele wissen, was sie tun, bilden sich weiter und interessieren sich für die Kultur und die Praxis mit Leidenschaft und angemessenem Respekt. Und es ist völlig in Ordnung sich inspirieren zu lassen, das Yoga zu praktizieren um Gesund und fit zu bleiben und in der Spiritualität einen Anker zu finden.
Wichtig ist denke ich, das ganze Bild zu betrachten. Kritisch zu hinterfragen:
muss ich gleich zum Lehrer werden, oder bleib ich lieber erstmal Schüler?
Und vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, nichts zu übernehmen.
Sondern darum, achtsam zu fragen: Woher kommt das, was ich da trage, spreche oder praktiziere? Und wem gehört es eigentlich?
Der Widerspruch in mir
Ich selbst habe auch Mantras mitgesungen, Yoga praktiziert, Räucherstäbchen gekauft – bin ich also Teil des Problems?
Vielleicht ja.
Ich habe sogar kurz mit dem Gedanken gespielt, eine Yogalehrerausbildung zu machen. Und wenn ein paar Dinge auf meiner Reise anders gelaufen wären, hätte ich es vielleicht wirklich durchgezogen.
Aber ich blickte von Anfang an eher kritisch auf das Ganze.
Ich erinnere mich an Gespräche, in denen mir Menschen begeistert von ihren Chakren und Shiva erzählten – und ich sie innerlich etwas schräg ansah. Manchmal kam mir das Ganze fast schon albern vor.
Nicht, weil ich Spiritualität nicht ernst nehmen kann. Sondern weil mir manche Menschen einfach ein bisschen wie besessen vorkamen.
Als hätten sie sich in einem Strudel aus Yoga, Selbstheilung und Klangschalen irgendwo verloren.
Und ja – vielleicht bin ich Teil des Problems.
Aber genau dieser Widerspruch in mir ist es, der mich so sehr zum Nachdenken bringt.
Weil ich glaube, dass es in Ordnung ist, Dinge zu hinterfragen – auch wenn man mitten drin steckt.
Ich habe jedenfalls kein Mantra gefunden, das mir alle Antworten liefert. Aber ich habe gelernt, dass es okay ist, Dinge schön zu finden – und gleichzeitig kritisch zu hinterfragen. Und wer weiß?
Vielleicht beginnt genau da der echte Weg zu sich selbst: Zwischen Selbstironie, Räucherstäbchen und einem ehrlichen „Ich weiß es auch nicht so genau.“
Wenn du mehr darüber erfahren willst, wie es mir in Rishikesh, abseits des ganzen Yoga-Wahns, erging, kommst du hier zu meinem Reisebericht:
